Wenn Freunde dich nach einem Verlust meiden
Es kann sich anfühlen wie ein doppelter Schlag: Du hast einen Menschen verloren – und plötzlich scheinen auch einige deiner Freund*innen zu verschwinden. Nachrichten bleiben unbeantwortet, Treffen werden abgesagt, Gespräche enden schnell, sobald du deine Trauer erwähnst. Vielleicht sitzt du abends da und fragst dich, ob du zu viel bist, zu traurig, zu anstrengend. Ob du etwas falsch machst. Ob deine Trauer andere vertreibt.
Wenn Freund*innen sich nach einem Tod zurückziehen, kann das eine tiefe Einsamkeit auslösen. Die Welt dreht sich weiter, aber du hast das Gefühl, aus ihr herausgefallen zu sein. Diese Isolation in der Trauer kann fast so schmerzhaft sein wie der Verlust selbst. Und doch hat sie oft weniger mit dir zu tun, als es sich anfühlt.
In diesem Text geht es darum, was hinter dem Rückzug anderer stecken kann, wie du mit Zurückweisung in der Trauer umgehen kannst und welche Wege es gibt, Unterstützung zu finden, wenn du dich alleingelassen nach einem Verlust fühlst. Nicht als Anleitung, wie du „richtig“ trauerst, sondern als leise Begleitung: Gedanken, die dir vielleicht helfen, dich selbst in all dem besser zu verstehen – und ein paar kleine Schritte, die sich in dieser schweren Zeit möglich anfühlen könnten.
Kurzer Exkurs
In vielen Themen rund um Abschied, Erinnerung und Verbundenheit taucht immer wieder dieselbe Frage auf: Wie kann man jemanden sichtbar im eigenen Alltag behalten, wenn er nicht mehr da ist?
Trauerbegleiter sprechen hier oft von einem „äußeren Anker“ – einem konkreten Ort oder Gegenstand, der Erinnerung greifbar macht. Das kann ein Foto sein, ein bestimmter Platz oder auch eine individuell gestaltete Gedenktafel, die Name, Datum und Bild verbindet.
Solche Anker ersetzen nichts. Aber sie geben dem, was war, einen ruhigen Platz – und vielen Menschen genau dadurch Halt.
Warum sich Freund*innen nach einem Verlust zurückziehen
Wenn Freunde sich distanzieren, während du trauerst, wirkt es schnell wie ein Urteil über dich: „Meine Trauer ist zu viel. Ich bin zu viel.“ Doch oft erzählt dieses Schweigen mehr über die anderen als über dich.
Überforderung und Angst vor den eigenen Gefühlen
Viele Menschen haben nie gelernt, mit Tod, Sterben und Trauer umzugehen. Sie wissen nicht, was sie sagen sollen. Sie fürchten, etwas Falsches zu tun. Manchmal erinnert dein Verlust sie an ihre eigene Verletzlichkeit: daran, dass auch sie Menschen verlieren können. Dann entsteht eine Mischung aus Angst, Hilflosigkeit und innerem Weglaufen.
Statt zuzugeben: „Ich weiß nicht, wie ich für dich da sein kann“, ziehen sie sich zurück. Sie vermeiden Gespräche über den Tod, wechseln das Thema oder melden sich gar nicht mehr. Für dich fühlt sich das an wie Ablehnung. Für sie ist es oft ein missglückter Versuch, sich selbst zu schützen.
Unsicherheit im Umgang mit deiner Trauer
Viele fragen sich im Stillen:
- „Darf ich den Verstorbenen überhaupt erwähnen – oder mache ich es damit schlimmer?“
- „Ist es okay, wenn ich auch von mir erzähle – oder wirkt das egoistisch?“
- „Wie lange ist Trauer ‚normal‘?“
Diese Unsicherheit kann dazu führen, dass Menschen lieber gar nichts sagen, als etwas zu sagen, das sie für falsch halten. Für dich entsteht dadurch das Gefühl, mit deiner Trauer allein gelassen zu sein – als wäre dein Schmerz unsichtbar oder unerwünscht.
Fehlende Reaktionen sind kein Maßstab für deinen Wert
Wenn Unterstützung fehlt bei deiner Trauerbewältigung, kann sich das anfühlen, als wäre deine Beziehung zum Verstorbenen weniger wichtig, als wären deine Gefühle übertrieben. Doch die Reaktionen anderer sind kein Spiegel für die Tiefe deiner Liebe oder die Bedeutung deines Verlustes.
Dass Freund*innen dich meiden nach einem Tod, bedeutet nicht, dass du falsch trauerst. Es bedeutet meist nur, dass sie an ihre eigenen Grenzen stoßen – und diese Grenzen nicht gut benennen können. Dein Schmerz bleibt trotzdem gültig. Deine Trauer bleibt berechtigt. Du musst sie nicht rechtfertigen.
Was du gerade wirklich brauchst – und benennen darfst
In der Trauer geht es nicht darum, „stark“ zu sein oder alles allein zu schaffen. Viele Menschen, die einen Verlust erlebt haben, sehnen sich nach etwas sehr Einfachem – und gleichzeitig sehr Kostbarem.
Präsenz: Jemand, der einfach da ist
Präsenz bedeutet nicht, dass jemand deine Trauer lösen oder erklären kann. Es heißt:
- jemand sitzt mit dir in der Stille, ohne sie füllen zu müssen,
- jemand hält es aus, dass du weinst, ohne dich zu beruhigen,
- jemand bleibt, auch wenn er sich unsicher fühlt.
Diese Art von Dasein ist selten – aber du darfst sie dir wünschen. Und du darfst sie auch einfordern, soweit es dir möglich ist, zum Beispiel indem du sagst: „Du musst nichts sagen. Es hilft mir schon, wenn du einfach da bist.“
Geduldiges Zuhören und Raum für deine Gefühle
Trauer verläuft nicht gerade. Es gibt Tage, an denen du funktionierst, und andere, an denen du kaum aufstehen kannst. Manchmal brauchst du Worte, manchmal nur Stille. Was vielen hilft, ist ein Gegenüber, das:
- nicht bewertet („So schlimm ist es doch nicht mehr, oder?“),
- nicht vergleicht („Als meine Oma gestorben ist, war ich auch traurig, aber…“),
- nicht beschleunigt („Du musst nach vorne schauen.“).
Stattdessen einfach zuhört, nachfragt, wenn du es möchtest, und deine Gefühle stehen lässt, wie sie sind. Ohne sie kleinzureden, ohne sie zu dramatisieren.
Den Verstorbenen benennen dürfen
Ein häufiger Schmerz in der Einsamkeit nach dem Sterben eines Angehörigen ist, dass der Name des Verstorbenen aus Gesprächen verschwindet. Als wäre dieser Mensch nie da gewesen. Als wäre es besser, nicht mehr über ihn oder sie zu sprechen.
Für viele Trauernde ist das Gegenteil wahr: Es tut gut, den Namen auszusprechen, Geschichten zu erzählen, Erinnerungen zu teilen. Zu sagen: „Weißt du noch, wie er immer…“ oder „Sie hätte jetzt wahrscheinlich…“. So bleibt der geliebte Mensch auf eine andere Weise Teil deines Lebens.
Du darfst dir Menschen wünschen, mit denen du genau das tun kannst. Und du darfst auch Freund*innen sagen: „Es hilft mir, wenn du seinen/ihren Namen sagst. Du machst es dadurch nicht schlimmer – er oder sie fehlt sowieso.“
Wenn Freunde dich meiden: Was konkret helfen kann
Du kannst andere nicht zwingen, bei dir zu bleiben. Aber du kannst kleine Schritte gehen, die dir helfen, dich weniger ausgeliefert zu fühlen – und die manchen Menschen den Zugang zu dir erleichtern.
Konkrete Bitten statt offener Fragen
Viele Freund*innen wären bereit zu helfen, wissen aber nicht wie. Allgemeine Fragen wie „Meld dich, wenn du was brauchst“ überfordern in der Trauer oft – du weißt vielleicht selbst nicht, was du brauchst, oder es kostet zu viel Kraft, dann tatsächlich anzurufen.
Manchmal ist es leichter, ganz konkrete Dinge zu benennen:
- „Kannst du mir am Mittwoch Abend eine Suppe vorbeibringen?“
- „Magst du mich nächste Woche zum Arzttermin begleiten?“
- „Kannst du mich einmal die Woche kurz anrufen, einfach um zu hören, wie es mir geht?“
Solche klaren Bitten können anderen Orientierung geben – und dir das Gefühl, nicht völlig auf dich gestellt zu sein.
Kleine, verlässliche Gesten
Wenn soziale Kontakte in der Trauer brüchig werden, können gerade die kleinen, regelmäßigen Gesten wichtig werden. Vielleicht gibt es eine Person, die bereit ist:
- dir einmal pro Woche eine kurze Nachricht zu schicken („Ich denke an dich“),
- dich alle zwei Wochen auf einen Spaziergang einzuladen,
- dir bei ganz praktischen Dingen zu helfen – Einkaufen, Papierkram, Haushalt.
Es müssen keine großen Taten sein. Oft ist es die Verlässlichkeit, die trägt: zu wissen, dass da jemand ist, der wiederkommt, auch wenn du beim letzten Mal kaum reden konntest.
Beharrlich bleiben – ohne zu drängen
Vielleicht hast du schon erlebt, dass Menschen am Anfang sehr präsent sind und sich dann nach einigen Wochen oder Monaten zurückziehen. Die Außenwelt erwartet oft, dass nach einer gewissen Zeit „wieder alles normal“ ist. Deine innere Wirklichkeit sieht vielleicht ganz anders aus.
Du darfst auch nach längerer Zeit noch sagen:
- „Ich merke, dass ich dich immer noch brauche, auch wenn der Tod schon Monate her ist.“
- „Es wäre mir wichtig, wenn du dich ab und zu meldest, auch wenn ich nicht immer antworte.“
Manche Freundschaften halten das aus und wachsen daran. Andere nicht. Beides sagt nichts darüber, ob deine Trauer berechtigt ist. Es zeigt nur, welche Beziehungen wirklich tragfähig sind.
Was eher verletzt als hilft
Wenn du in deiner Trauer mit Sätzen konfrontiert wirst, die dich klein machen oder übergehen, kann das den Schmerz verstärken. Manchmal ist es hilfreich, innerlich zu erkennen: „Das, was ich da höre, hat mehr mit der Hilflosigkeit des anderen zu tun als mit mir.“
Plattitüden und Vertröstungen
Sätze wie:
- „Zeit heilt alle Wunden.“
- „Er oder sie ist jetzt an einem besseren Ort.“
- „Alles hat seinen Sinn.“
sind oft gut gemeint – und doch können sie deine Trauer entwerten. Sie überspringen den Schmerz, statt ihn anzuerkennen. Du darfst innerlich Abstand zu solchen Sprüchen nehmen und dir Menschen suchen, die eher sagen: „Es tut mir leid. Ich sehe, wie weh es dir tut.“
Vergleiche mit eigenen Erfahrungen
Manchmal erzählen Menschen sofort von ihren eigenen Verlusten, wenn du von deinem sprichst. Das kann verbinden – aber es kann auch dazu führen, dass dein Erleben in den Hintergrund rückt. Besonders dann, wenn es in Richtung geht wie:
- „Als mein Hund gestorben ist, war ich auch total fertig, ich weiß genau, wie das ist.“
- „Ich hatte auch schon schwere Zeiten, aber irgendwann muss man sich zusammenreißen.“
Du musst dich nicht vergleichen lassen. Jede Trauer ist individuell. Du darfst dir wünschen, dass dein Verlust als das gesehen wird, was er für dich ist – ohne Maßstab, ohne Wettbewerb.
Ratschläge und Verharmlosungen
Sätze wie „Reiß dich zusammen“, „Denk positiv“ oder „Andere haben es schlimmer“ können tief verletzen. Sie tun so, als wäre Trauer eine Schwäche, die man mit Willenskraft überwinden kann. Als wäre dein Schmerz übertrieben.
Wenn du so etwas hörst, kann es helfen, innerlich klarzustellen: „Meine Gefühle sind eine normale Reaktion auf einen schweren Verlust.“ Du musst dich nicht rechtfertigen. Und du darfst den Kontakt zu Menschen begrenzen, die dir immer wieder das Gefühl geben, falsch zu fühlen.
Mit Zurückweisung in der Trauer umgehen
Wenn Freunde sich distanzieren und du dich in deiner Trauer allein gelassen fühlst, kann das wie eine persönliche Ablehnung wirken. Es ist schwer, das nicht als Urteil über dich zu nehmen. Und doch kann ein „Nein“ manchmal etwas anderes bedeuten.
Ein „Nein“ ist oft nur ein „Noch nicht“
Manche Menschen sind in der akuten Phase deines Verlustes überfordert, finden aber später wieder einen Zugang zu dir. Ein abgebrochener Kontakt kann sich irgendwann wieder öffnen. Du musst das nicht erwarten – aber du darfst es auch nicht als endgültige Aussage über deinen Wert verstehen.
Vielleicht hilft dir der Gedanke: „Gerade kann diese Person nicht an meiner Seite sein. Das sagt etwas über ihre Grenzen, nicht über meinen Schmerz.“
Abstand akzeptieren – und trotzdem Verlässlichkeit zeigen
Wenn jemand deutlich macht, dass er oder sie gerade keinen Kontakt möchte, kannst du das respektieren – und gleichzeitig eine leise Tür offenlassen. Zum Beispiel:
- „Ich merke, dass es dir gerade zu viel ist. Ich akzeptiere das. Wenn du irgendwann wieder Kontakt möchtest, ich bin da.“
- „Ich melde mich in ein paar Wochen noch mal kurz, wenn das für dich okay ist.“
So schützt du dich vor ständigem Anklopfen an verschlossene Türen – und signalisierst trotzdem: „Ich bleibe als Mensch erreichbar, auch wenn du jetzt Abstand brauchst.“
Deine Grenzen sind genauso wichtig
Umgang mit Isolation in der Trauer heißt nicht, dass du jede Art von Kontakt aushalten musst, nur um nicht allein zu sein. Du darfst Grenzen setzen:
- zu Menschen, die dich immer wieder verletzen,
- zu Gesprächen, in denen du dich erklären oder rechtfertigen sollst,
- zu Situationen, in denen du deine Trauer verstecken musst, um akzeptiert zu werden.
Du darfst sagen: „Dieses Thema heute nicht“ oder „Ich brauche jetzt jemanden, der einfach nur zuhört, nicht kommentiert.“ Deine Bedürfnisse sind nicht weniger wichtig, nur weil du gerade verletzlich bist.
Wenn das Freundesnetz nicht trägt: Andere Formen von Unterstützung
Manchmal verändern sich Freundschaften durch einen Verlust dauerhaft. Manche Menschen gehen, andere kommen neu in dein Leben. So schmerzhaft das ist: Es ist ein Muster, das viele Trauernde erleben. Du bist damit nicht allein.
Trauergruppen und Selbsthilfe
In Trauergruppen triffst du Menschen, die selbst einen Verlust erlebt haben. Dort musst du oft weniger erklären. Viele verstehen aus eigener Erfahrung, wie sich Einsamkeit nach dem Sterben eines Angehörigen anfühlen kann.
In solchen Gruppen kannst du:
- von deinem Verlust erzählen, ohne bewertet zu werden,
- zuhören, wie andere mit ihrer Trauer leben,
- erleben, dass Trauer viele Gesichter hat – und dass deins eines davon ist.
Vielleicht gibt es in deiner Nähe eine Trauergruppe von Hospizdiensten, Kirchengemeinden oder unabhängigen Initiativen. Oft findest du Hinweise auf den Webseiten lokaler Beratungsstellen oder über eine einfache Internetsuche nach „Trauergruppe“ und deiner Stadt.
Trauerbegleitung und professionelle Hilfe
Wenn Freunde vermeiden, sich mit deiner Trauer auseinanderzusetzen, kann eine professionelle Begleitung ein geschützter Raum sein. Dort darf alles Platz haben: Wut, Schuldgefühle, Erleichterung, Verzweiflung, Leere. Ohne dass du jemanden „belastest“.
Eine professionelle Begleitung ersetzt Freundschaften nicht – aber sie kann dich stabilisieren, während sich dein soziales Umfeld neu sortiert. Sie kann dir helfen, mit dem Gefühl des Alleingelassenseins umzugehen und neue Wege zu finden, deine Trauer in dein Leben zu integrieren.
Neue Kontakte knüpfen – behutsam und in deinem Tempo
Vielleicht spürst du irgendwann, dass du Menschen brauchst, die dich in deiner jetzigen Lebenssituation kennenlernen – mit deiner Geschichte, mit deinem Verlust. Das kann sein:
- eine Gruppe für Hinterbliebene,
- ein offenes Café-Angebot eines Hospizdienstes,
- ein Online-Forum oder eine Community für Trauernde.
Du musst nichts überstürzen. Aber du darfst dir erlauben, vorsichtig Fühler auszustrecken. Manchmal entstehen gerade aus dieser Zeit der Trauer Kontakte, die besonders ehrlich und tief sind, weil sie dich nicht nur in „guten Zeiten“ kennen.
Trauer, Freundschaften und gesellschaftliche Erwartungen
In vielen Gesellschaften gibt es klare Vorstellungen davon, wie lange und wie „sichtbar“ Trauer sein darf. Ein paar Wochen besondere Rücksicht – und dann soll das Leben wieder funktionieren. Wer länger trauert, gilt schnell als „hängen geblieben“ oder „nicht belastbar“.
Diese Erwartungen wirken auch auf deine Freund*innen. Sie können dazu führen, dass Menschen sich zurückziehen, wenn deine Trauer nicht in dieses unsichtbare Zeitfenster passt. Dass sie denken, sie müssten dich „motivieren“, statt einfach bei dir zu bleiben.
Dabei zeigen Erfahrungen aus Trauerbegleitung und Forschung: Trauer ist individuell. Sie hat keine feste Dauer, keine vorgeschriebene Form. Veränderungen im Freundeskreis nach schweren Verlusten sind häufig – und sie können sich über lange Zeit hinziehen.
Du bist nicht „zu empfindlich“, weil dich das belastet. Du bist ein Mensch, der jemanden verloren hat. Dass dein inneres Erleben nicht zu den äußeren Erwartungen passt, ist kein persönliches Versagen, sondern ein Spannungsfeld, in dem viele Trauernde stehen.
Fazit
Wenn du das Gefühl hast, dass Freunde sich distanzieren und du mit deiner Trauer allein gelassen wirst, ist das ein tiefer Schmerz. Es ist, als würde der Boden, auf dem du stehst, gleich an mehreren Stellen brüchig werden: durch den Verlust selbst – und durch die Menschen, die plötzlich fehlen oder schweigen.
Du darfst traurig, wütend, enttäuscht darüber sein. Und du darfst gleichzeitig wissen: Die Hilflosigkeit anderer ist kein Maßstab für den Wert deiner Beziehung zum Verstorbenen und nicht für den Wert deiner Person. Deine Trauer ist kein Fehler, den du beheben musst, um wieder „gesellschaftsfähig“ zu sein.
Vielleicht kannst du dir nach und nach Menschen suchen, die bleiben, auch wenn es schwer ist – ob im bestehenden Freundeskreis, in einer Trauergruppe, in professioneller Begleitung oder in neuen Kontakten. Du musst diesen Weg nicht perfekt gehen. Es reicht, wenn du Schritt für Schritt schaust, was dir heute ein kleines bisschen gut tut.
Auch wenn es sich manchmal anders anfühlt: Du bist nicht die einzige Person, die so etwas erlebt. Und auch wenn niemand den Menschen zurückbringen kann, den du verloren hast – du darfst dir Begleitung wünschen, die dich durch diese Zeit trägt. Deine Trauer darf da sein. Und du darfst da sein, mit allem, was sie mit sich bringt.
Häufige Fragen
Warum meiden manche Freunde jemanden in tiefer Trauer nach einem Todesfall?
Wenn Freund*innen sich nach einem Verlust distanzieren, hat das oft mehr mit ihrer eigenen Überforderung als mit dir zu tun. Viele Menschen haben Angst vor starken Gefühlen, wissen nicht, was sie sagen sollen oder werden mit ihrer eigenen Endlichkeit konfrontiert. Statt zuzugeben „Ich weiß nicht, wie ich für dich da sein kann“, ziehen sie sich zurück.
Das kann sich anfühlen wie ein doppelter Schlag – allein mit Traurigkeit nach Todesfall und zusätzlich ohne Halt im Freundeskreis. Trotzdem gilt: Das Verhalten anderer ist kein Maßstab für die Berechtigung deiner Trauer oder deinen Wert als Mensch.
Was kann ich tun, wenn Freunde sich zurückziehen und ich einsam trauere?
Wenn du das Gefühl hast, trauernde ohne freundschaftliche Hilfe zu sein, können kleine Schritte entlasten:
- Formuliere konkrete Bitten, z. B. „Kannst du mich am Freitag anrufen?“ statt „Meld dich mal“.
- Schau, wer verlässlich ist – manchmal sind es nicht die engsten, sondern eher lose Bekannte.
- Erlaube dir, Kontakte zu begrenzen, die dich immer wieder verletzen oder deine Gefühle kleinreden.
- Nutze Angebote wie Trauergruppen oder Online-Communities, um nicht völlig einsam trauern ohne Unterstützung von Freunden zu müssen.
Du musst die Trauerphase nicht „allein durchstehen“. Es ist in Ordnung, dir neue oder andere Formen von Unterstützung zu suchen.
Wie kann ich mit dem Gefühl umgehen, von Freund*innen in meiner Trauerzeit gemieden zu werden?
Freunde ziehen sich zurück bei Trauer – das kann sich wie Zurückweisung anfühlen. Hilfreich kann sein:
- Dir innerlich zu sagen: „Das Verhalten der anderen sagt etwas über ihre Grenzen, nicht über meinen Schmerz.“
- Deine Gefühle ernst zu nehmen: Enttäuschung, Wut, Traurigkeit dürfen da sein.
- Zu prüfen, ob du deine Bedürfnisse benennen kannst, z. B. „Es hilft mir, wenn du einfach nur zuhörst.“
- Dir bewusst zu machen, dass ein Kontaktabbruch in schweren Zeiten manchmal nur ein „noch nicht“ ist – manche Menschen finden später wieder einen Zugang.
Umgang mit sozialem Rückzug nach Todesfall bedeutet auch, deine eigenen Grenzen zu achten und dich nicht ständig rechtfertigen zu müssen.
Was hilft gegen Isolation in der Trauer, wenn mein Umfeld mich meidet?
Wenn du dich allein gelassen nach dem Tod eines nahen Menschen fühlst, können verschiedene Wege gegen die Isolation in der Trauerreaktion helfen:
- Trauergruppen und Selbsthilfe: Dort triffst du Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Du musst weniger erklären und erfährst, dass du mit deinen Gefühlen nicht allein bist.
- Rituale gegen Isolation in der Trauer: feste Spaziergänge, eine Kerze zu bestimmten Zeiten anzünden, ein Erinnerungsbuch führen oder wöchentliche „Erinnerungszeiten“ können Struktur geben.
- Behutsam neue Kontakte knüpfen: z. B. über Hospizdienste, Kirchengemeinden oder Online-Foren.
Trauerbewältigung ohne Netzwerk ist schwer, aber du darfst dir Schritt für Schritt ein neues, tragfähiges Netz aufbauen – in deinem Tempo.
Wie kann ich meine Bedürfnisse ausdrücken, wenn ich mich in der Trauer von Bekannten distanziert fühle?
Was tun, wenn Bekannte sich distanzieren nach Verlust und du trotzdem Kontakt möchtest? Manchmal hilft es, sehr klar und einfach zu formulieren, was dir gut täte:
- „Du musst nichts sagen, es hilft mir schon, wenn du einfach da bist.“
- „Es tut mir gut, wenn du den Namen von … erwähnst, du machst es damit nicht schlimmer.“
- „Kannst du mir einmal die Woche kurz schreiben, nur ein ‚Ich denke an dich‘?“
Selbsthilfe bei abgelehnter Traurigkeit bedeutet auch, dir zu erlauben, um Unterstützung zu bitten – und gleichzeitig zu akzeptieren, wenn jemand diese Rolle nicht übernehmen kann.
Wie kann ich Gefühle der Einsamkeit nach einem Verlust verarbeiten, wenn Freunde fehlen?
Gefühle der Einsamkeit nach Verlust verarbeiten, während Freunde Kontaktabbruch in schweren Zeiten wählen, ist belastend. Mögliche Schritte:
- Nimm deine Einsamkeit ernst und benenne sie – vielleicht in einem Tagebuch oder in einem geschützten Gespräch.
- Erhalte die Verbindung zum Verstorbenen, z. B. durch Erinnerungsrituale, Fotos, Geschichten.
- Nutze professionelle Trauerbegleitung, wenn du einen verlässlichen Raum für deine Gefühle brauchst.
- Erlaube dir, neue Menschen kennenzulernen, die dich mit deiner Geschichte annehmen – Trauerprozess ohne soziale Unterstützung muss kein Dauerzustand bleiben.
Du musst deine Trauer nicht beschleunigen oder verstecken, nur weil dein Umfeld unsicher reagiert. Deine Art zu trauern darf so sein, wie sie ist.
Brauchst du gerade Unterstützung?
Wenn du über Suizid nachdenkst oder dich in einer akuten Krise befindest, kannst du dich anonym und kostenlos an die TelefonSeelsorge wenden. Du erreichst sie rund um die Uhr unter der Nummer 0800 – 111 0 111 oder online unter www.telefonseelsorge.de. Zögere nicht, dir Hilfe zu holen – du bist nicht allein.
